Archies berichten?

*Warum ich an einer selbstorganisierten Filmschule studiere?

Wenn ich Leuten erzähle, dass ich an einer selbstorganisierten Filmschule studiere, ist die erste Reaktion: “Hä, selbstorganisiert, was ist das?”
Dann fange ich an zu erklären: dass wir ein Verein sind, der von Student*innen und ehemaligen Student*innen organisiert wird, dass die Schule nur funktioniert, weil wir uns dafür in Komitees und Gremien engagieren und dass es eine Frage nicht mehr gibt. Nämlich die: “Warum soll ich das eigentlich lernen?” – denn den Unterricht organisieren wir als Klasse ja selbst.
Manche sind sofort begeistert, andere nicht. “Und das funktioniert?”, fragt die ein oder andere Person. “Und was für einen Abschluss bekommst du da?” wollen manche wissen.
Und schon sind wir inmitten eines guten Gespräches. 1. Funktioniert das? Dann sage ich: “Mal ja, mal nein”. Denn alles hängt ja von dem Einsatz der Leute ab. Und wenn der mal fehlt, weil Filmdrehs anstehen, die Oma Geburtstag hat oder einfach keine Lust da ist, dauern manche Sachen eben lange. Aber dann überlege ich mir: Was bedeutet das eigentlich, zu funktionieren? Ein durchorganisierter Lehrplan, zufriedene Student*innen, volle Vorlesungssääle, Dozent*innen mit gutem Ruf und Scheine, die zeigen, dass man was gelernt hat?
Was bedeutet für mich eine Uni, die funktioniert? Eine, an der ich mich entwickeln kann, staune, inspiriert werde und Dinge lerne, an denen ich wachse. An der filmArche werde ich hinterher kein Bachelorzeugnis in der Hand halten, auf der eine Zahl steht, die mein wissenschaftliches/künstlerisches Können bewertet. Manchmal finde ich das schade und anstrengend, denn viele Leute wünschen sich so eine Zahl, um mich einzuschätzen. So ein Zeugnis könnte meine Arbeitssuche einfacher machen. Manchmal befürchte ich, dass Arbeitgeber*innen mein Studium zu fremd sein könnte. Vielleicht macht ihnen so eine frei organisierte Universität auch Angst, denn sie passt so überhaupt nicht in das Konzept, in dem wir erzogen wurden. Denn wir sind es gewohnt, dass wir die Dinge nicht selbst in der Hand haben. Die Mieten zu teuer? Das sind die bösen Immobilienhaie. Schlechte Fahrradwege? Die Automobilbranche ist schuld. Schon wieder den Traum von der Radreise verschoben? Leider keine Zeit.
In welchen Bereichen haben wir überhaupt noch das Gefühl, etwas selbst zu können? Geht die Spülmaschine nicht mehr, rufen wir eine*n Handwerker*in. Sind wir erkältet, konsultieren wir eine*n Ärzt*in. Ist unser Schuh kaputt, kaufen wir uns ein neues Paar. Wir fühlen uns wie Opfer. Opfer der Industrie, des Systems, der Technik, Opfer von facebook – “wir wollen ja austreten, aber können nicht anders”. So hat sich auch das Wörtchen “müssen” in unser Leben eingeschlichen und dort gemütlich gemacht. Man hat keine Zeit, weil man arbeiten muss. Man muss zur Post, muss für eine Klausur lernen, muss noch in den Supermarkt.
Und das ist der große Bogen, den ich schlage, um wieder zurück dazu zu kommen, warum ich die filmArche so wichtig finde und warum sie für mich funktioniert. Denn hier habe ich gelernt, mich zu fragen: “Kann ich das nicht auch?” anstatt automatisch zu denken “ich kann das nicht!” Und ich habe mir abgewöhnt, von “müssen” zu sprechen. Stattdessen sage ich: “Ich mache X, denn ich will”. Ich gehe zur Uni, weil ich dort etwas über Film lernen will. Ich lade eine Dozentin zu Montageästhetik ein, weil mich das Thema interessiert. Und so zieht dieses Bewusstsein, das ich alles selbst in der Hand halte, auch in meinen Alltag ein: z.B. gehe ich zum Amt, denn ich will einen Reisepass für meine schöne Reise haben, die ich vorhabe. Oder ich spüle das Geschirr, weil ich gerne eine saubere Küche habe. Ich bin nicht Opfer irgendeines Systems – wenn ich etwas ändern will, kann ich das machen. Und oft klappen überhaupt nicht alle Dinge, die ich mir wünsche. Und oft läuft der Unterricht nicht, wie ich es will. Aber ich schiebe es nicht auf eine höhere Instanz. Ich kann mich fragen: Was läuft nicht gut und warum? Und kann daran lernen und wachsen. Und so inspiriert mich das selbstorganisierte Konzept der filmArche, so habe ich nicht nur filmspezifisch etwas gelernt, sondern vor allem ganz viel über mich selbst. Und dabei habe ich noch gar nicht darüber gesprochen, was ich über Gruppendynamiken gelernt habe. Und Teamarbeit.
Wenn mich also das nächste mal wer fragt, ob so ein Studium an einer selbstorganisierten Schule funktioniert, werde ich tief Luft holen. Und meinen Lobgesang mit den Worten schließen: “Und deswegen will ich an keiner anderen Filmschule mehr studieren.”